Birgittenweg

Herzlich willkommen auf dem Weg der Heiligen Birgitta von Vadstena. Der norddeutsche Birgittenweg verbindet das mitteleuropäische Netz der Jakobswege mit dem nordeuropäischen Netz der Olavswege. Auf dem einen Ende liegt Santiago de Compostela mit dem Grab des Heiligen Jakobus. Im Norden – am anderen Ende – liegt Nidaros (Trondheim) mit dem Grab des Heiligen Olav.

 

Birgitta von Schweden pilgerte 1341 nachweislich mit ihrem Ehemann Ulf Gudmarsson von Schweden über Norddeutschland nach Santiago de Compostela. Die Route, die das Paar mutmaßlich genommen hat, wurde rekonstruiert und ist heute als Pilgerweg der Heiligen Birgitta gekennzeichnet.

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Auf diesem Weg ist es möglich, in drei Wochen – mit 21 Tagesetappen – vom schwedischen Lund über die Insel Rügen, die Hansestadt Stralsund, weiter durch Vorpommern hinein nach Mecklenburg bis in die Landeshauptstadt Schwerin zu laufen. Bei Tribsees kreuzt der Birgittenweg die »Via Baltica« und bindet bei Lauenburg an den »Jakobusweg Lüneburger Heide« an. Seit 2013 weisen Muscheln mit einem weißen Kreuz die Richtung auf dem Birgittenweg.

Das Leben der Heiligen Birgitta

1303

Birgitta Birgersdotter wird im Jahr 1303 in eine der mächtigsten Fa­milien Schwedens hineingeboren. Ihr Vater ist vorsitzender Richter in Uppland (der zu der Zeit bevölkerungsreichsten Gegend Schwe­dens an der Ostsee). Die Mutter ist verwandt mit dem herrschenden schwedischen Königsgeschlecht. Schon als Kind bekommt Birgitta Visionen und strebt ein Leben im Kloster an.

 

1316

Jedoch wird sie mit 13 Jahren mit Ademar Ulf Gudmarsson ver­heiratet. Ihr um fünf Jahre älterer Ehemann ist Landeshauptmann von der Provinz Närke und entstammt einem schwedischen Ritter­geschlecht. Sie ziehen gemeinsam in die Burg von Ulvåsa in der historischen Provinz Östergötland am Ufer des Vätternsees. Ganz in der Nähe soll Birgitta später auch ihren Wirkkreis haben. Sie lebt über 20 Jahre mit ihrem Mann auf der Burg und bekommt in der

Zeit acht Kinder, vier Mädchen und vier Jungen. Zwei der Jungen sterben, einer mit zehn, der andere mit zwölf Jahren. Ihre Tochter Merete wird später die junge Königin Margarete I. am schwedi­schen Hof erziehen. Birgitta kümmert sich neben ihrer Mutterrolle um Frauen in der Umgebung, die aus unterschiedlichen Gründen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

 

1335

Nach knapp 20 Jahren auf der Burg wird Birgitta an den Königshof berufen. König Magnus Eriksson (oder Magnus II.) setzt Birgitta als Oberhofmeisterin ein. In dieser Funktion muss sie sich um seine Ehefrau Blanche von Namur kümmern. Unter anderem ist es ihre Aufgabe, der Belgierin schwedisch beizubringen.

 

1339

Mit ihrem Ehemann zusammen macht Birgitta ihre erste Pilgerreise. Sie wandern nach Nidaros, heute das norwegische Trondheim. Hier liegt im Nidarosdom Olav II. Haraldson, der Heilige Olav begraben, ein norwegischer König aus dem 11. Jahrhundert, dem Wunder und Legenden zugeschrieben werden. Außerdem versuchte Olav die Auseinandersetzungen in seinem Land zu befrieden.

 

1341

Nach ihrer Rückkehr verlässt Birgitta den Königshof und pilgert zwei Jahre später, wieder mit ihrem Mann zusammen, nach Santiago de  Compostela. Dabei geraten sie mitten in die feindlichen Scharmüt­zel des 100­jährigen Krieges, der zwischen England und Frankreich tobt.

 

1344

Auf der Heimreise erkrankt Ulf. Sie bleiben gemeinsam in dem Zis­terzienserkloster von Alvasta in der Provinz Östergötland, nur rund 25 Kilometer von Vadstena entfernt, von dem heute noch die Ruine zu sehen ist. Ulf stirbt 1344 und Birgitta bleibt noch weitere zwei Jahre in dem Kloster und schreibt erstmals die Offenbarungen, die sie empfängt, auf. Sie fühlt sich als „Braut Christi“ und als dessen Sprachrohr berufen. Gleichzeitig besucht sie immer wieder den königlichen Hof. Sie führt ein streng asketisches Leben.

 

1346

In einer ihrer Visionen erhält sie den Auftrag, eine neue Ordensge­meinschaft und ein Kloster zu gründen. König Magnus Eriksson überschreibt ihr das Gut Vadstena für das Kloster. Als Ratgeberin des Königshauses übt sie offen Kritik an dem verschwenderischen Lebensstil der Adeligen und selbst an dem des Königspaars.

 

1349

Gott wies Birgitta in einer Offenbarung den Weg nach Rom zum Papst, wo sich der Papst zu der Zeit aber gar nicht aufhält. Zwischen 1309 und 1377 lassen sich sieben Päpste hintereinander in Avignon krönen. Der Einfluss Frankreichs ist mächtig, immer mehr Kardinäle gehen aus dem Land hervor. Der erste französische Papst, Clemens V., siedelt nach seiner Wahl gar nicht erst nach Rom über, sondern bleibt zunächst in Lyon, dann zieht er nach Avignon. Zwei Jahrhunderte vorher kämpften die Päpste noch erbittert darum, von keiner Krone abhängig zu sein. Birgitta tritt dafür ein, dass der Papst zurück nach Rom kommt. Doch in Rom herrschen zu der Zeit, in der Birgitta dort ankommt, bürgerkriegsähnliche Zustände.

 

1350

Birgittas Tochter Katharina folgt ihrer Mutter nach Rom. Die beiden Frauen leben mit einigen ihrer Anhänger in einer klosterähnlichen Gemeinschaft an der heutigen Piazza Farnese. „Aus ihrer Vision erwuchs das außergewöhnliche Leben der Buße und Zurückgezogenheit, das sie in Italien während all der langen Jahre des Wartens auf die offizielle Anerkennung und die öffentliche Billigung ihres Plans führte.“ (Tore Nyberg in: Birgitta Atlas, Hrsg. Ulla Sander-Olsen, Tore Nyberg, Per Sloth Carlsen, Societas Birgitta). Birgitta unterhält eine Herberge für schwedische Pilger und Studenten. Gleichzeitig kümmert sie sich um Prostituierte. Der Ort an der Piazza Farnese gilt bis heute als das „Mutterhaus“ des Birgittenordens. Schon zu ihren Lebzeiten baute man an dem Platz die Kirche Santa Brigida. Der heutige Bau stammt aber aus dem frühen 15. Jahrhundert.

 

1352

Immer wieder unternimmt Birgitta selbst Pilgerreisen, so läuft sie 1352 in das rund 175 Kilometer nördlicher gelegene Assisi, dem Geburtsort des Heiligen Franziskus. Bei ihrer Pilgerreise nach Neapel im Jahr 1365 dürften auch politische Gründe eine Rolle gespielt haben: Gemeinsam mit ihrem Sohn Karl wohnt sie bei Johanna I. von Anjou, die gleichzeitig Königin von Neapel, Sizilien und Jerusalem ist. Das mächtige Geschlecht Anjou besitzt zu der Zeit außerdem Avignon, den Sitz der Päpste. Doch Johannas Macht sinkt, statt ihren Einfluss geltend zu machen, verliebt sich die zweifache Witwe in den Sohn von Birgitta.

 

1367

Nach ihrer Rückkehr kehrt auch der amtierende Papst Urban V. nach Rom zurück. Über drei Jahre gibt es mehrere Begegnungen von Birgitta und dem Papst. Sie bittet ihn um die Erlaubnis, ein Kloster nach neuen Ordensregeln gründen zu dürfen. Doch der Papst erhört sie nicht.


1370

Unverständnis erntet Papst Urban V. bei vielen Christen – so auch bei Birgitta – als er sich erneut auf den Weg nach Avignon macht. Birgitta eilt ihm nach und holt ihn im nördlicher gelegenen Montefiascone ein. Sie erlangt die Erlaubnis, einen Konvent gründen zu dürfen, jedoch nicht nach ihren eigenen Ordensregeln. Aber: „Das ebnete den Weg für die notwendigen Bauarbeiten an dem Herrenhaus in Vadstena, einem alten Backsteinbau. Die Hauptgebäude des Gutes mussten an die Bedürfnisse einer Gemeinschaft von bis zu 60 Nonnen angepasst werden. Ebenso wie andere, nahegelegene Gebäude für eine Gemeinschaft von bis zu 25 Priestern und Laien einzurichten waren, die mit dem Nonnenkloster in Verbindung stehen sollten.“ (Tore Nyberg, ebenda). Das Kloster im schwedischen Vadstena wird gebaut und Birgitta bleibt in Rom.

 

1372

Als 69-Jährige begibt sich Birgitta mit ihren Kindern Katharina, Birger und Karl auf ihre letzte Pilgerreise ins Heilige Land. Sie lassen sich nach Zypern übersetzen und wohnen am Hof von Eleonore von Aragon, der Königin von Zypern. Birgitta wird ihre Ratgeberin, wie sie schon einige Königinnen vor ihr beraten hat.


1373

Birgitta stirbt am 23. Juli 1373 in ihrem Haus an der Piazza Farnese. Erst fünf Jahre nach ihrem Tod erkennt der nächste Papst, Urban VI., den Doppelorden in Vadstena samt dessen Ordensregeln an. „Einige Auffassungen des frühen 14. Jahrhunderts von einem religiösen Leben in gemeinschaftlicher Armut, Keuschheit und Gehorsam deckten sich und verschmolzen mit der neuen Vorstellung klösterlichen Lebens.“ (Tore Nyberg, ebenda).


1391

Papst Bonifatius IX. spricht Birgitta von Schweden 18 Jahre nach ihrem Tod heilig. 1991 wird sie zusammen mit Katharina von Siena und Edith Stein zur Patronin Europas ernannt. „Frau Birgitta (1303 bis 1373), schon als Tochter des schwedischen Rechtssprechers Birger Persson eine einflussreiche Gestalt, zählte mit ihrem Gatten Ulf Gudmarsson zu jenen Persönlichkeiten des 14. Jahrhunderts, welche die außerordentliche Bedeutung geistlicher Inspiration für die geordnete Ausgestaltung christlichen Rechtes und christlicher Religion erkannten.“ (Tore Nyberg, ebenda).

 

 

 

Die sieben Schlüsselworte des Pilgerns

Ein Pilger zu sein, heißt „auf dem Weg zu sein“ im äußeren und inneren Wan­dern. Was bedeutet das konkret?
Die Begriffe aus der Pilgerfrömmigkeit des Mittelalters passen hier gut. Der Heiligen Birgitta werden sieben Schlüsselworte zum Pilgern zugeschrie­ben: Freiheit, Einfachheit, Stille, Sorglosigkeit, Langsamkeit, Geistlichkeit, Ge­meinschaft.
Diese Begriffe können Bedeutung erlangen für den Weg und für das weitere Leben.

Eine Deutung wird zur Be­deutung, wenn wir uns selbst die Zeit nehmen, den Begriff zu „durchschreiten“. Was bedeutet es für mein Leben? Heute? In meiner Vergangenheit? Wo soll dieser Begriff in meiner Zukunft Be­deutung erlangen? – Diese Fragen können meditiert werden. Das Wort ›Meditation‹ wird hier gemäß seinem Wortursprung verwendet. Das lateinische meditatio bedeutet: nachdenken, nachsinnen, überlegen.

Freiheit

Freiheit!
Das Schlagwort unserer Zeit. Ich will frei sein!
Frei wovon? Von den täglichen Auf­ gaben? Dem Alltagsstress? Meinem Lebensumfeld?
Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes. Was bedeutet Freiheit für mich? Was will ich loslassen, um frei zu sein? Welche Bindung gibt mir Freiheit in anderen Bereichen? Freiheit beinhaltet die Qual der Wahl. Freiheit bedeutet, Dinge loszulassen, um andere ergreifen zu können. Freiheit bedeutet: Alles hat seine Zeit!
Freiheit bedeutet: Ich binde mich an das, was mir wichtig ist und lasse, was für mich unwichtig geworden ist. Freiheit funktioniert nur innerhalb von Grenzen. Pilgern probiert neue Freiheit aus – auf Zeit. Ich nehme mir die Freiheit, meinen Weg zu gehen. Heute. Ich entscheide, ob ich den Weg abkürze oder die schönere, aber längere Route rund um den See nehme.
Ich nehme mir die Freiheit zu wählen, ob Gesellschaft für mich heute Segen oder Fluch ist.
Ich habe die Freiheit meiner Reaktionen. Ich entscheide, wie ich auf den Wetterumschwung, den Regenschauer reagiere. Vielleicht mal ganz an­ ders als sonst. Vielleicht begrüße ich den Regen, auch wenn er gerade unpassend kommt.
Ich nehme mir die Freiheit zu träumen, zu weinen, zu lachen. Und vielleicht fallen mir beim Nachdenken Gefühle ein, die mich binden und von denen ich mich längst hätte befreien können. Auch vergeben können ist Freiheit.

Einfachheit

Unterwegs beim Pilgern trage ich, was ich brauche auf dem Rücken. Nehme so viel mit wie nötig und so wenig wie möglich. Das ist die Devi­se. Minimalismus ist ein Modewort. Aber vielleicht ist es auch nur die Gegenseite unseres ständig komplexer werdenden Lebensstils. Ich brauche nicht viel zum Leben. Diese Erkenntnis ist befreiend. Die wirklich guten Dinge im Leben sind häufig umsonst. Diese Erkenntnis trifft mich nicht auf der Couch zu Hause. Diese Erkenntnis „erlaufe“ ich mir. Pilgern übt in den Lebensstil der Einfachheit ein. Pilgern reduziert auf das Wesentliche. Wir sind hier in diesem Leben Wanderer, auf der Durchreise. Wir können nichts über die Schwelle des Todes hinaus mitnehmen. Äußerer und inne­rer Weg verlaufen parallel. Ohne den äußeren Ballast des täglichen Lebens ergibt sich auch innerer Freiraum für Gebet und Meditation. Ein weiches Bett und eine warme Dusche sind angenehm. Aber auch ein Bad im See macht sauber. Und zum Übernachten reicht ein Zelt. Die Vorfreude auf eine kräftige Mahlzeit am Abend beschwingt den Gang. Und die Dankbarkeit für erwiesene Gastfreundschaft wächst mit jedem Kilometer, den man am Tag zurückgelegt hat.

Stille

Wie kann ich wissen, wer ich bin und was ich will?
Wie kann ich mich finden jenseits aller Vorschläge von außen?
Wie kann ich meine eigene Stimme erkennen und heraushören aus dem Stimmengewirr um mich herum?

In der Stille kommen wir zur Besinnung, unsere Sinne sammeln sich, die Konzentration wächst. Den Geräuschen um uns herum sind wir gewöhnlich ausgeliefert. Wir können unsere Ohren nicht abschalten und nur schein­ bar gewöhnen wir uns an eine Geräuschkulisse. Geräusche ziehen unsere Aufmerksamkeit nach außen, manchmal so weit, dass wir uns in unserer Umwelt zu verlieren scheinen. Stille muss man suchen und zulassen wollen. Aber Stille kann auch Unbehagen verursachen. Will ich eigentlich mit mir allein sein? Ich nehme mir Zeit, die Natur schweigend zu betrachten. Im ru­higen Betrachten der Landschaft oder eines Baumes beruhigt sich das Un­behagen und die Stille stellt sich ein. Die Stille führt uns zurück zu uns selbst. Beim Pilgern gibt es Schweigezeiten – Zeiten des bewussten Verzichtes auf Mitteilung. Schweigezeiten können helfen, in die Stille zu finden.
Mit zeitweiliger Stille gebe ich meinen Sinnen Raum vertiefter wahrzunehmen. Nach einiger Zeit in der Stille legt sich auch der innere Lärm unserer ständig kreisenden Gedanken. Meine Seele wird ruhig, wie ein Wasserspie­gel, der nicht gestört wird. Nun kann ich in die tieferen Schichten schauen und so eine Wanderung nach innen beginnen.

Sorglosigkeit

Gibt es überhaupt echte Sorglosigkeit?
Wir wissen, dass sie existiert, und deshalb suchen wir nach ihr. Es ist die leichtlebige, spielerische Unbekümmertheit von kleinen Kindern, die sich keine Gedanken um die Zukunft machen. Und nun, als Erwachsene, überkommen uns die Sorgen des Alltags. Wir haben sie nicht eingeladen. Sie kommen als Begleiter unserer komplizierten Zukunftsplanungen. Jesus sagt: Macht euch keine Sorgen um den morgigen Tag. Der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Sorge hat. (Matthäus 6,34)

Pilgern lädt ein, es mit weniger Planung und dafür mit mehr Vertrauen zu versuchen. Als eine Übung für den Alltag. Hier kann sich neues Vertrauen, neue Gelassenheit bilden. Vieles haben wir ja trotz aller Planung nicht in der Hand, so viel wir uns auch sorgen. Pilgern verheißt, zur Sorglosigkeit und Unbekümmertheit aus Kindheitstagen zurückzukehren. Ich kann nur soweit laufen, wie mich meine Füße tragen.Alles andere ergibt sich, manchmal auf wunderbare Weise. Denn Gott sorgt für mich. Ich kann gelassen sein und loslassen. Ich traue des Himmels reichem Segen.

Langsamkeit

Unterwegs sein ohne Terminkalender, ohne Druck. Unterwegs in Geh­-Geschwindigkeit. Ich nehme meine Um­welt anders wahr. Mein Fokus schärft sich. Meine Sinne erwachen. Die Eiche mit ihrer urigen Wuchsform am Wegesrand sehe ich mit neuen Augen. Sie ist alt und wächst langsam. Sie hat Charakter. Vielleicht liegt es am langsa­men Wachsen, dass ich die Würde der Eiche so deutlich wahrnehme? In ihren Zweigen raschelt es und eine Amsel beginnt zu singen. Zwei Bäume weiter antwortet eine andere. Ich höre.
Die Wolkenformation vor mir bricht auf und das Sonnenlicht scheint wie ein Scheinwerfer auf einen Teil der Landschaft und verwandelt ihn in etwas Besonderes. Ein alltägliches Phänomen. Aber ich nehme es sonst nicht wahr. Für die alltäglichen Wunder braucht es Zeit, um sie zu sehen.
Die Kartoffelrosen am Wegesrand duften. Wann habe ich zuletzt an einer Blume gerochen? Alle meine Sinne ansprechen lassen?
Langsamkeit bedeutet: Ich finde mein eigenes Tempo, meinen Rhythmus. Und ich komme trotzdem an. Nur nicht gehetzt, sondern gesammelt. Ich bin vielleicht nicht die Erste. Aber was macht das?
Langsamkeit bedeutet: Ich bin bereit mit all meinen Sinnen. Mein Kopf, mein Körper und meine Seele finden zurück zur Einheit. Ich komme in Kontakt mit mir selbst. Meine Bewegungen werden präziser, nicht mehr so fahrig. Ich setze bewusst einen Fuß vor den anderen. Ich gehe meinem inneren Frieden entgegen. Ich habe Zeit zu sein. Mehr als eine kurze Zeit.

Geistlichkeit

Geistlichkeit bedeutet: Ich erkenne an, da ist etwas über mein Begreifen, Verstehen und naturwissenschaft­liches Beweisen hinaus. Eine andere Dimension. Gott?
Diese Dimension berührt und durch­ zieht mein Leben. Wie ich in die irdi­schen Bezüge eingebunden bin, das Materielle und Sichtbare, bin ich auch Teil der himmlischen Bezüge, der immateriellen Welt.
Beim Pilgern erlaube ich, diese geistliche Welt in mir zuzulassen. Ein erster Schritt liegt im bewussten Atmen, um zu mir selbst zu kommen. Im hebräischen ist der Atem und der Geist Gottes ein Wort: Ruach. „Gott gab seinen Atem in den Menschen und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen“ – so steht es im biblischen Schöpfungsbericht.
Ich bin beides: Ich bin Teil der Erde, der Adama, also ein Adam, ein Mensch. Und ich bin Teil der geistlichen Welt durch den Atem, den Geist Gottes, der mich lebendig macht.
Inneres und äußeres Wandern bringen beides zusammen und lässt beiden Anteilen in mir seinen Raum.
Augustinus, ein alter Kirchenvater, drückte es so aus: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, Gott; denn auf dich hin hast du uns geschaffen.“ Beim Pilgern kann ich diese Unruhe zulassen und ihr nachgehen. Beim Pil­gern können sich mein äußeres und inneres Leben ordnen. Etwas in mir kommt zusammen, was zusammengehört und mich ganz macht. Geistlich­keit ist Ganzheitlichkeit. Das blendet Themen wie Krankheit, Leiden, Lebenssinn und Tod nicht aus. Das ist innere geistliche Arbeit.Andachten und Meditationen helfen dabei, oder auch die Metaphern und Bilder der Bibel.

Gemeinschaft

Gemeinschaft ist Teilen. Teilen för­ dert Gemeinschaft.
Nicht immer pilgern wir mit an­ deren zusammen. Ein einsames Stück des Weges kann heilsam sein. Aber Gemeinschaft begegnet uns im Zusammentreffen mit Men­schen entlang des Weges. Diese Fremden entlang des Weges können zu Freunden werden. Zuerst teilt man einen Schluck Wasser oder Pflaster für eine besonders schmerzende Blase. Dann vielleicht ein Stück des Weges. Häufig fällt es nicht so schwer, fremden Menschen Anteil an den eigenen tiefen Gedanken zu geben, als den vertrauten Menschen zu Hause. Es ist leicht, unter Pilgern Gemeinschaft auf Zeit und Verständnis zu finden. Das macht das Mitteilen einfacher. Im Gespräch mit einem anderen Pilger können Probleme zu Lösungen heranreifen, weil neue Blickwinkel hinzukommen. Ich kann mich so geben, wie ich bin. Ich nehme den anderen an, so wie er ist. Unterschiede in Bildung, Geschlecht, Alter und sozialer Schicht spielen immer weniger eine Rolle. Auf dem Pilgerweg sind alle gleich.
Das Miteinander auf dem Pilgerweg wird zum positiven Übungsfeld für Gemeinschaft in allen Lebensbereichen.
Uns wird neu bewusst, dass wir die wichtigen Dinge dieser Welt immer teilen müssen – die Luft zum Atmen, die Erde, unseren ganzen Lebens­ raum.